Die Venus von Akakus

„Die Venus von Akakus“
Essays, Kurzgeschichten, biografische Skizzen,
1998,
107 Seiten,
ISBN 3-930376-15-6

 

Schatten

Abraham lief aus dem verfallenen, kleinen Haus aus weißgetünchtem Lehm zum Spielen auf die Straße und machte eine große Entdeckung: Schien die Sonne, huschte ein dunkler Gefährte vor ihm oder neben ihm mit über die Straße, stand er vor einer Hauswand, war er dort. Je mehr es zum Abend ging, um so länger wurde der Begleiter, der ihn in allem, was er tat, nachäffte: Hob er die Arme, so er auch, lief er schnell weg, eilte der Schatten mit; er konnte ihm nicht davonlaufen. Zunächst fand Abraham ihn interessant und spielte mit ihm, versuchte ihm ein Füßchen zu stellen, boxte ihm in die Rippen, warf ihn in die Luft und kniete sich auf ihn, um ihn zu besiegen, dann aber ärgerte er sich darüber, dass er sich von ihm nicht trennen konnte. Er dachte darüber nach, und langsam dämmerte es in seiner kindlichen Seele, der Schatten sei er selbst und das Dunkle gehöre zu ihm.

In der Prärie Südarizonas

Wie lange er genau schon unterwegs war, erinnerte er sich nicht, aber er war schon länger auf dem Weg in der weiten Steppe Südarizonas. Er ging auf einer alten Bahntrasse, die Schienen rosteten der Ewigkeit entgegen, schon seit Jahren war hier kein Zug mehr gefahren. Wohin er ging, wusste er nicht, die Trasse, immer geradeaus, schien in die Endlosigkeit zu führen. Mit steigender Sonne wurde es heiß, und keine Bäume waren da, die ihm Schatten spenden konnten. Er verzehrte das wenige, was er an Proviant bei sich hatte, und marschierte nach einer einsamen Rast weiter. Mühsam war der Schritt, endlos zog sich die Zeit hin, und er merkte, dass seine Kräfte nachließen. Schließlich, als die Sonne unterging, kam er zu einem verlassenen, verfallenden Bahnhof, einsam in der Steppe Südarizonas. Fast ausgetrocknet, ließ er sich auf einer Holzbank nieder.